Europa reagiert zur Zeit auf die Herausforderungen der Globalisierung durch die Bildung eines Netzwerks, das alte Modelle von der Zentralherrschaft ersetzt. In diesem Netzwerk werden die Staaten kooperativ und teilen Wissen. Den historisch orientierten Geisteswissenschaften stellt sich dabei die Frage, wie die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen jenseits nationaler Denkmuster und ohne eine übergreifende Metageschichte miteinander auskommen können. Den historisch orientierten Geisteswissenschaften stellt sich die Frage, worin der neue Zusammenhalt Europas besteht. Eine Besinnung auf die europäischen Dimensionen der unterschiedlichen nationalen Literaturen und ihre für den Kontinent identitätsstiftenden Potentiale ist dabei besonders aufschlussreich.
Die Sektion geht der Frage nach, inwieweit der Petrarkismus der Frühen Neuzeit eine identitätsstiftende Kraft für ganz Europa hat. Betrachtet werden soll das Phänomen des Petrarkismus als eines europäischen Gründungsmythos. Dabei wird dieser ‚Gründungsmythos’ im Sinn einer kulturproduktiven und kulturreflexiven Erzählung verstanden, die das europäische Selbstverständnis mitprägt. Europa verständigt sich seit der Frühen Neuzeit in einem Gespräch, das an Petrarca anknüpft und zu einer europäischen Vernetzung über Zeiten und Räume hinweg führt. Dieses Gespräch ergibt sich auf praktischer Ebene unter den zeitgenössischen Teilnehmern und wird bereits in der Renaissance theoretisch reflektiert. Es hat zahlreiche Facetten, die allesamt in der Anknüpfung an Petrarca zusammenfinden. Sie sind thematischer, formal-ästhetischer, poetologischer, geschichts- und kunstphilosophischer, gesellschaftlicher und kulturprogrammatischer Art: Zum einen ist da der thematische Rekurs auf Petrarcas lyrisches Werk und das damit gegebene petrarkistische Liebesmodell. Zum zweiten spielt der Aspekt der von Petrarca ausgeprägten lyrischen Sprache und der von ihm legitimierten Dichtungsformen eine zentrale Rolle. Ferner ist der von Petrarca inaugurierte Rückbezug auf die Antike wirkungsmächtig. Und schließlich orientieren sich die europäischen Intellektuellen an dem von Petrarca selbst entworfenen ‚Gesamtmodell Petrarca’, das die figura auctoris wie die opera auctoris mit ihren zuvor genannten Aspekten umgreift. Im Zentrum der Rezeption Petrarcas steht die Frage der ‹imitatio›, die das Verhältnis von Autorität und Tradition auf der einen Seite und Varianz, Innovation und Individualität auf der anderen Seite bestimmt. Der Petrarkismus ist im Kontext der frühneuzeitlichen Versuche, innovative kulturelle Standortbestimmungen vorzunehmen, besonders geeignet, literarische Themen und Formen ins Spiel zu bringen, Rollen durchzuspielen und unterschiedliche Lebensentwürfe zu präsentieren, die an Konzepte der Antike und des christlichen Mittelalters anknüpfen und häufig diese Epochen in ein neues Spannungsverhältnis bringen. Der Bezug auf den Petrarkismus kann dabei auch prononciert lebensweltliche Dimensionen gewinnen. Denn die Autorisierung des toskanischen Lyrikers im 16. Jahrhundert geht kulturgeschichtlich einher mit der Autorisierung des formvollendeten Habitus des Hofmanns, eines Habitus, den eine für den europäischen Menschen typische Selbstdistanz und Selbsthinterfragung auszeichnet.
Es soll mithin nach den literaturgeschichtlichen, medialen, poetologischen, sozial- und kulturhistorischen sowie gesellschaftstheoretischen Voraussetzungen und Implikaten des petrarkistischen Gründungsmythos gefragt werden. Etwa: Wie entwirft eine zeitgenössische europäische Literaturgeschichte das Konzept des Petrarkismus? Welche Rolle spielt im Rahmen seiner Konstitution die europaweite Verbreitung petrarkischer und petrarkistischer Texte in den Textverbünden der großen Lyrikanthologien? Welche Auswirkungen hat, u.a. im Gattungsspektrum, der ‚petrark(ist)ische Mythos’ auf die Entwicklung der europäischen Literaturen? Wie stellt sich das Wechselverhältnis der personalen Autorität Petrarca auf der einen Seite, der Versuche dichtungstheoretischer Synthesen und poetologischer Systembildung auf der anderen Seite dar? Welche sind die Folgeerscheinungen in anderen Bereichen, wie der Kunst und der Musik? Inwiefern sind kulturphilosophische und gesellschaftstheoretische Entwürfe der europäischen Frühen Neuzeit vom Petrarkismus bestimmt? Inwieweit ist jene für die europäische Kultur grundlegende Haltung der Selbstdistanzierung durch Petrarcas Wechselspiel von Autobiographie und deren moralphilosophisch-kritischer Reflexion mitgeprägt?