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II.3
Objektivität und literarische Objektivierungsstrategien vom 18.
Jahrhundert bis in die Gegenwart
 

Steffen Schneider (Tübingen) - Niklas Bender (Tübingen)

 

Die literaturwissenschaftliche Debatte der Gegenwart wird nach wie vor von zwei gegensätzlichen Positionen beherrscht. Einerseits sind sowohl die Dekonstruktion als auch die Rezeptionsästhetik weiterhin am romantisch-subjektivistischen Paradigma orientiert. Andererseits haben sich Diskursanalyse und wissenschaftsgeschichtlich interessierte Forschung in den letzten Jahren vermehrt um die Beziehung zwischen Literatur und naturwissenschaftlichem Wissen bemüht. Da für beide Positionen die in der Literatur repräsentierte Welt das Ergebnis subjektiver oder diskursiver Konstruktion ist, gerät der Anspruch der Literatur, ihre Repräsentationen zu objektivieren, aus dem Blick.

So berechtigt der Hinweis auf den Konstruktionscharakter des Wissens ist, so wenig kann von der Hand gewiesen werden, dass Objektivität nicht nur als wissen­schaftliches, sondern auch als literarisches bzw. ästhetisches Ideal eine hohe Bedeutung hat. Objektivität kann dabei entweder ontologisch –also als Beschreibung der Struktur des Seins –, oder methodisch – als kontrol­lierbares, inter­subjektiv nachvollziehbares Erkenntnisverfahren – verstanden werden. Ästheti­sche Ob­jek­ti­vität verbindet sich z.B. nahezu immer mit einem bestimmten Stilideal – sei es Goethes bewusst antiromantischer Begriff des Stils, sei es das Objektivitätsideal des Realismus – es geht darum, Subjektivität zurückzustellen oder aber darum, ihr einen allgemeingültigen Charakter zu verleihen. Auch scheinbar irrationalistische Strömungen wie der Surrealismus kennen solche Verfahren der Objektivierung, sollen doch sowohl im Begriff der ‘image’ als auch in der ‘écriture automatique’ exemplarische Prozesse des Unbewussten zur Anschauung gelangen. Ontologisch orientierte Poetologien sind hier ebenso angesprochen wie dokumentarische Verfahren.

Die Sektion ist komparatistisch ausgerichtet und dezidiert für philosophisch und wissenschaftsgeschichtlich Interessierte geöffnet. Mögliche Themengebiete sind die folgenden:

  • Inwiefern interagieren literarische und wissenschaftstheoretische bzw. philosophische Vorstellungen von Objektivität in den einzelnen literarischen Strömungen?
 
Das heißt:
  • Wie konstituiert sich ein Begriff von Objektivität im 18. Jahrhundert? In welchem Verhältnis stehen hierbei realistische und idealistische Entwürfe von Objektivität? (Literarische Konzepte der Aufklärung, Goethes Stilbegriff)
  • Gibt es möglicherweise eine romantische Objektivität?
  • Wie definiert sich der Objektivitätsbegriff des Realismus und des Naturalismus im Spannungsfeld von Romantik und Positivismus?
  • Welche Objektivierungsstrategien bildet die literarische Moderne, von écriture automatique bis Dokumentarstil, aus?
  • Welche wesentlichen Veränderungen gibt es im Objektivitätsverständnis von Wissenschaften und Philosophie von der Aufklärung bis heute? Gibt es je ein literarisches Pendant zu diesen Transformationen?
  • Gibt es evtl. Konstanten im literarischen Verständnis von Objektivität bzw. hebt es sich auf eine spezifische Weise ab von dem der Wissenschaften und der Philosophie?
  • Haben die verschiedenen literarischen Gattungen je das gleiche Objektivitätsbestreben oder gibt es gattungsspezifische Unterschiede (besonders zwischen Lyrik und Erzähltexten)?
 

 

 
 
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