Finanznarrative als Krisennarrative: Literarische/Filmische Modellierungen "kapitaler" Erschütterungen

Sektionsleitung: Kurt Hahn (Eichstätt), Marita Liebermann (Eichstätt)

Kontakt: kurt.hahn(at)ku.de

Angesichts zeitgenössischer Krisenkonjunktur diagnostiziert Joseph Vogl das tief sitzende Unbehagen, das seit geraumer Zeit das „Wirtschaftsgeschehen“[1] umgibt. Doch gemeinhin verhallt die Klage über die Allmacht der aus dem Imagi­nären entspringenden und darin wieder versiegenden Kapitalströme schnell im Rauschen kulturkritischer Diskurse. Das entwertet gleichwohl nicht die damit verbundene, allgemeine Frage nach der „Erzählbarkeit“[2] von Finanzmärkten und ihren mittlerweile gewohnten Erosionen. Ob „es überhaupt ein plausibles finanz­ökonomisches Narrativ“ gebe, das die „Haltbarkeit einer liberalen oder kapitalisti­schen Oikodizee“ verbürgen könnte, überlegt Vogl mit einiger Skepsis. Wie die Terminologie suggeriert, geht es hierbei um das große Ganze, um die grands récits mithin, nach denen das Abendland seine „Idylle des Marktes“[3] eingerichtet hat. Um mehr jedenfalls als um im Fiktionalen angesiedelte Erzählungen, deren Problematisierungspotential hinsichtlich kapitaler Erschütterungen allerdings nicht zu unterschätzen ist.

Ästhetisch (literarisch oder filmisch) verfasste Mikronarrative sind und waren es schon immer, die modellhaft den menschlichen Umgang mit Geld und dessen in­härente Neigung zum Dilemma durchdeklinier(t)en. Beschränkt man sich auf die Literaturgeschichte der Romania, so böte etwa die spanische Pikareske mit der Ressourcenknappheit ihrer (Anti-)Helden ein ebenso griffiges Exempel wie die französische Erzählprosa des Realismus/Naturalismus oder die Börsenromane Südamerikas, die Transaktionen meist haarsträubender Art ausphantasieren. Zurück auf der anderen Seite des Atlantiks und im Siglo de Oro, entfaltet die Comedia ihre vieldeutigen Fiktionen und Fakten des Wirtschaftlichen, während man wieder in der Moderne auf allerlei lyrisches und narratives Falschgeld stößt.[4]

Beständiger Mangel, grenzenloser Überfluss und unersättliches Begehren in mo­netären Angelegenheiten sind nicht nur seit jeher erzählbar, mehr und präziser noch: Gerade dort, wo Geld- und Kreditgeschäfte aus dem Ruder zu laufen und sich zu verselbständigen drohen, tritt die Einbildungskraft auf den Plan, soll Logi­ken konstruieren, die es nicht gibt, oder dekonstruiert diese auf eigene Rech­nung. Gewiss, es hat den Anschein, als ob der Zahlungsverkehr durch medien­technische Beschleunigung und Vervielfachung der umlaufenden Summen noch unkontrollierbarer geworden sei. Selbst in dieser Hinsicht ist aber Vorsicht gebo­ten, haben die aktuellen Banken- und Staatspleiten, Währungs- und Immobilien-Blasen doch eine immanente Genealogie, die auf frühere Umbrüche zurückver­weist. Seit der Frühen Neuzeit vollziehen sich „finanzökonomisch[e] Revolutionen […], die unproduktives Geld mit Zeugungskraft versehen und mittels der Ver­käuflichkeit von Schulden den Umlauf von Kapital mobilisieren“[5]. Schrittweise etab­liert sich derart eine Ökonomie des Aufschubs, die von der Warenwirtschaft zunehmend abgekoppelt ist und die gleichsam den historischen Wissenshorizont dieser SEKTION bildet.

Auch wenn frühere Jahrhunderte noch nicht die aleatorischen Derivat- und Fu­ture-Geschäfte der Gegenwart kannten, ahnten sie so manches von der Irratio­nalität des Spekulationsgewerbes. Denn wider die liberalistischen Mythen der Stabilität war der Geld- bzw. Kreditmarkt noch nie der beste, der vernünftigste aller Märkte.[6] Statt wirtschaftliche und semiotische Kreisläufe transparent zu regu­lieren, dereguliert er diese fortwährend und setzt insbesondere den Subjek­ten zu, die ihn ehedem implementierten. Nicht erst in Zeiten informationstechni­scher Hochrüstung provozieren daher Krisen des Finanzsektors radikale Erfah­rungen und extreme, ja extremistische Reaktionen, die alsdann die innere Ver­wandtschaft von Ökonomie und Ideologie bloßlegen. Literarische/filmische Fiktio­nen gewähren Einblick in derlei Affinitäten und Entgleisungen, welche die SEKTION unter drei maßgeblichen Gesichtspunkten beleuchtet:

· Literarische/filmische Krisen-Modellierungen

· Erzähl- und Fiktionalisierbarkeit eines selbst auf Fiktion beruhenden Kapitalmarkts

· Literarische/filmische Strategien und Taktiken der Bewältigung und des Scheiterns

Daraus ergeben sich weitergehende und spezifischere Fragestellungen, zu deren Formulierung die SEKTION ohne historische, ästhetische oder regionale Begren­zungen einlädt. Vorträge können unter anderem zu folgenden Themenfeldern Stellung nehmen:

· Symbolische und ökonomische Kapitalbildung (in) der Literatur und im/des
  Film(s)

· Narrative des Mangels und des Überflusses

· Literarisches Schreiben und Filmen im Zeichen der Verknappung

· Falschgeld (in) der Literatur und im/des Film(s)

· Krise und Extremismus

· Zur Semiotik des Geldes

· Vom Tauschwert der Waren- und Finanzwirtschaft zum ästhetischen
  Liebhaberwert


[1] Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals, Zürich: diaphanes ³2010/2011, 7.

[2] Vogl, Das Gespenst des Kapitals, 10.

[3] Die vorangehenden Zitate: Vogl, Das Gespenst des Kapitals, 29 sowie 31-83.

[4] Angespielt ist auf Baudelaires berühmtes Prosagedicht „La fausse monnaie“ (erstmals erschienen 1864) und Gides nicht minder diskutierten Roman Les faux-monnayeurs (1925).

[5] Vogl, Das Gespenst des Kapitals, 80.

[6] Siehe nochmals Vogl, Das Gespenst des Kapitals, 31-52.