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III.3
Hundert Jahre Gründungsmanifest des Futurismus: eine Bilanz der europäischen Avantgarden von 1909 bis 1914
 

Didier Alexandre (Paris) - Michel Murat (Paris)

 

Im Jahr 2009 jährt sich zum hundertsten Male die Veröffentlichung von Marinettis Gründungsmanifest des Futurismus im Pariser Figaro, das zugleich Gründungsmanifest der künstlerischen und denkerischen Bewegung wurde, die man seit nunmehr dreißig Jahren Europäische Avantgarden, auch schon Klassische Avantgarden zu nennen pflegt. Die Sektion soll die erste, ‚heroische’ Phase der Avantgarden von 1909 bis zum Kriegsausbruch 1914 in den Blick nehmen, in der der fortschrittsaffirmative und zugleich imaginativ-transzendierende Charakter der Bewegung am deutlichsten ausgeprägt war. Im Verhältnis zu dieser ersten Phase kann man Dadaismus und Surrealismus in gewisser Hinsicht schon als epigonal bezeichnen.

In ihrer ersten, futuristischen Phase haben die Avantgarden einen wahrhaft gesamteuropäischen und multimedialen Zuschnitt oder zumindest Anspruch, während sie sich nach dem Großen Krieg doch zunehmend auf Frankreich und die Literatur beschränken. In gewisser Weise und jedenfalls im Rückblick dominiert der Denk- und Ausdrucksgestus der Avantgarden als relativ kompaktes Phänomen in den kurzen Jahren zwischen 1909 (vielleicht mit einem Vorlauf schon ab 1907 oder 1905) und 1914 (vielleicht mit dem Höhepunkt schon im Jahr 1912) das kulturelle Feld weiter Teile Europas, da sich auch künstlerische Ausdrucksformen mit ihm in Beziehung setzen lassen, denen der lärmende Gestus seiner Gründerväter abgeht.

Die Sektion möchte Bilanz ziehen, das heißt kritisch das dem Augenblick Verhaftete von Folgenreichem scheiden, aber auch Vorläufer dieser sich als traditionslos gerierenden Bewegung in den Blick nehmen. Insbesondere wird es darauf ankommen, verschiedene, zeitgenössische Ausdrucksformen und spätere nationale Perspektiven auf diese Periode in einen Dialog zu bringen und zu fragen, ob und inwiefern die Avantgarden in ihrer ersten Phase einen europäischen (und amerikanischen) Gründungsakt des 20. Jahrhunderts darstellen und was von ihnen tauglich erscheint, für die Identitätsbildung des zukünftigen Europas aufbewahrt zu werden. Das Paradox, nach identitätsbildenden Momenten einer Bewegung zu suchen, die jegliche, auch die eigene Traditionsbildung ablehnte, ist eine grundlegende Denkfigur der Europäischen Moderne.
 
 
 
 
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