Die Vielfalt der Romania verdankte sich lange in hohem Maße den Wechselwirkungen von ‚Nation’ und ‚Region’. Wie kaum eine andere große Sprachgemeinschaft entwickelten die romanischen Länder bereits seit dem Mittelalter kulturelle wie politische Modelle im Wechselspiel von nationaler und regionaler Identität. Die Protagonisten der romanischen Kulturen und Literaturen verdankten ihre Komplexität meist diesem – oft schwierigen wie fruchtbaren – Bezugsfeld. Dies gilt bis zur späten Moderne, in der sich romanische Kulturen noch intrakulturell aufstellten: im Zwischenraum von regionaler Spezifik und nationaler Erinnerung.
Das stark angestiegene Interesse der Romanistik an den Kulturräumen einstiger romanischer ‚Peripherien’ geschieht dagegen zunächst im Zeichen der Dekonstruktion und Überwindung der Kulturräume ‚Region’ und ‚Nation’. Mestizierung und Kreolisierung als aktuelle kulturelle Leitbegriffe der Romania fügen sich gut in die heute maßgebliche Perspektive der Transkulturalität hybrider wie globaler Kulturen ein. Die Diskurse der Dekolonialisierung gedeihen gerade auf dem Nährboden einer solchen Öffnung und Pluralisierung. Romanistik als Kulturwissenschaft trägt dem Rechnung und integriert die kulturellen Strukturen von Interferenz, Transfer, Dekontextualisierung und Recyclage auch methodisch und institutionell (vgl. Lüsebrink 2006).
Regionalismen wie Nationalismen nehmen sich da auf den ersten Blick bestenfalls als nostalgische Reminiszenzen verloren gegangener Identitätsstrukturen der modernen Öffentlichkeit aus. Zugleich zeigt sich jedoch, dass auch die Kreolität, die Mischkulturen in Frankophonie und Lateinamerika regionale und nationale Identitätsstrukturen reinszenieren, zum Teil unbeschwert verwenden oder populistisch einfärben, nie aber ganz auf sie verzichten können und wollen. Selbst der innereuropäische Blick auf Grenzgebiete regionaler Multi- und Grenzkultur – wie etwa auf den prekären ethnischen Schmelztiegel der Pariser banlieue, auf das Dreiländereck Triest, die Vitalität galizischer, baskischer und katalanischer Kulturen in Spanien oder auf die Ausgliederung der rumänischen Literatur in einem ‚offenen’ Osteuropa belegt: Gerade in dem breiten Kontext globalisierter Weltkulturen erweisen sich die ‚kleineren’ Felder nationaler oder regionaler Identität – anstatt abzudanken – erneut als spezifische Antriebskräfte kultureller Erneuerung.
Die Sektion befragt deshalb gezielt Beispiele regionaler wie nationaler Kultursymbolik in den romanischen Literaturen und Medien auf ihre aktuellen Entfaltungsweisen wie ihre Leistungskraft im globalen Kontext. Sie möchte dabei ganz bewusst die gesamte Romania anvisieren, in der Überzeugung zum einen, dass das Verbindende die zu erwartende, disparate Vielfalt bündeln kann, zum anderen aber auch, dass eine sich globalisierende Welt eine breite Perspektive nahe legt. In unseren Kontext fallen auch ästhetische Fragestellungen nach dem Zusammenspiel von Populärkultur und Elitekultur, der Wiederkehr von Folklore und ‚frühen’ bzw. rituellen Erzählformen wie Legende, Märchen, volkstümlicher Erzählung in aktueller Gestalt, bzw. der intermedialen Wechselwirkungen (etwa die hohe Bedeutung musikalischer Expressivität im kulturellen Gedächtnis der afrikanischen Länder und Migrationsräume der Romania oder die ‚regionale’ bzw. ‚nationale’ Symbolik von bande dessinée, Rap und Videoclip)